Was ist eine Tantramassage?

Ist eine Tantramassage erotisch? Kommt sie aus Indien? Was ist eine Lingam-Massage und gibt es Analmassagen auch für Frauen? Wurde die Tantramassage in Berlin erfunden? Um Tantra und Tantramassagen ranken sich Mythen und Missverständnisse. Dieser Artikel klärt auf.

Ist die Tantramassage eine erotische Massage? Ist man nackt?

Ja – die Tantramassage kann zu den erotischen Massagen gezählt werden. Und ja – alle Beteiligten sind nackt, weil Nacktheit ganz natürlich ist und beide auf Augenhöhe bringt – so der ursprüngliche Gedanke. Trotzdem geht es nicht um Sex, sondern es ist und bleibt eine Massage. Das heißt, die Rollen sind klar verteilt: Die Tantramasseurin oder der Tantramasseur geben die Massage und Empfänger bzw. Empfängerin genießen völlig passiv, was durch die Berührung in ihrem Körper, ihrem Herzen und ihrer Seele ausgelöst wird. Es geht bei Tantramassagen um Selbstwahrnehmung, um Sinnlichkeit, um den natürlichen Fluss von Energien. Um Wertschätzung des Körpers.

Das kennen viele ansatzweise von Wellnessmassagen wie Lomi Lomi oder Ayurveda, bei denen man durch die fremden Hände in himmlische Sphären entführt wird. Nur, dass die Tantramassage kein Körperteil tabuisiert und wirklich alles einbezieht, auch den Genitalbereich. In die Tantramassage wird sexuelle Energie integriert – der Mensch fühlt sich als ganzer Mensch gesehen und geehrt.

Und Yoni-Massage und Lingam-Massage? Sie sind der intime Teil der Tantramassage

Bei den Empfängerinnen heißt der Schoßraum auf Sanskrit Yoni und so wird der intime Teil der Tantramassage für Frauen Yoni-Massage genannt. Bei den Männern wird der Phallus mit dem Sanskrit-Begriff „Lingam“ bezeichnet. Die Yoni-Massage und die Lingam-Massage sind quasi die Schlussteile der Tantramassage. Es besteht die Möglichkeit eine Anal-Massage oder Beckenboden-Massage zu integrieren, sowohl für Frauen als auch für Männer.

Inzwischen ist die Yoni-Massage eine eigene Massageform geworden, der sich dieses Informationsportal widmet.

Alle Sinne werden geweckt und das Herz gewärmt

Eine Tantramassage weckt spielerisch die Sinne, indem sanfte Streichungen eingesetzt werden, auch Seidentücher, Federn, Fell und Düfte. Atmen spielt ebenfalls eine große Rolle, um in eine tiefe Entspannung zu finden. Musik unterstützt mit Mantren und harmonischen Klängen. Wenn der Körper so über eine Dauer von mindestens einer Stunde sinnlich erweckt wurde, die Seele befriedet und das Herz berührt ist, bildet die Massage des Intimbereichs einen stimmigen Abschluss. Insgesamt kann eine Tantramassage alles sein: einfach nur schön, berührend, aufwühlend, herzerwärmend, heilend, spannend, erotisch, spirituell und orgiastisch. Muss sie aber nicht.

Wie ist das mit der Absichtlosigkeit gemeint?

Die Tantramassage wird oft als absichtslos bezeichnet – das ist so zu verstehen, dass es Spielraum gibt, auf das einzugehen, was in dem Moment ist. Sie muss nicht mit einem Orgasmus enden, ein solcher kann vom Kunden nicht verlangt werden, sie muss nicht erotisch sein, kann mit ganz anderen emotionalen Nuancen berühren und nachhaltig durch seelische Veränderungen wie mehr Selbstakzeptanz überraschen.

In der Kategorie „Erfahrungen“ sind sehr unterschiedliche Berichte zu finden, die die Bandbreite möglicher Erfahrungen erahnen lassen.

Was hat die Tantramassage mit Tantra und Shakti zu tun?

Tantra angemessen zu erklären, würde Bücher füllen, aber wir versuchen uns hier im Wesentlichen: Tantra ist eine über 2.000 Jahre alte Philosophie aus Indien. Sie beinhaltet neben praktischen Aspekten zur Lebensführung wie regelmäßige Yoga- und energetische Atemübungen sowie Ernährungsvorschriften auch religiöse Aspekte durch die Verehrung verschiedener Gottheiten wie Shakti, Shiva, Kali und anderen. So gibt es zum Beispiel den Shaktismus, die Verehrung der Ur-Göttin. Diese Strömung entstand im hinduistischen Tantra, daneben gibt es aber viele andere Formen, auch buddhistisches Tantra.

Insgesamt wird im Tantra die Welt als miteinander verbunden, als verwoben betrachtet, auf allen Ebenen. Auch energetisch. Sexualität wird nicht – wie in der christlichen Kultur – abgespalten und abgewertet, sondern als wesentliche Lebenskraft in Kulthandlungen und Rituale integriert.

Allerdings wurden nur in kleinen elitären Gruppen sexualmagische Rituale wie die Vereinigung von Mann und Frau in Form des Maithuna-Rituals praktiziert, um eine Verschmelzung des Irdischen mit dem Göttlichen und allen umgebenden Energien zu erreichen – oder zu Erlangung von Macht.

Sexualmagische Rituale gibt es überall auf der Welt

Solche Sexualrituale bzw. sexualmagischen Kulthandlungen findet man auch im chinesischen Taoismus, im tibetischen Buddhismus und im indianischen Schamanismus. Zudem ist aus unserem europäischen Kulturkreis bekannt, dass die sogenannten Hexen mit Sexualmagie in höhere Bewusstseinszustände gelangten.

Wer jemals guten Sex hatte, weiß, dass man sich danach für Tage im Rauschzustand befinden kann. An sich ist Sexualität als Schlüssel zu höheren Empfindungen oder spirituellen Kontakten also nichts Unbekanntes – ob im alten Indien, im alten China, im indianischen Südamerika oder hierzulande im Mittelalter.

Ein Kind der 80er Jahre – Neo-Tantriker kreieren die Tantramassage

Die heutigen, in Instituten oder von einzelnen AnbieterInnen, angebotenen Tantramassagen sind – anders als viele zunächst denken – keine Original-Rituale aus dem historischen Tantra.

Sie entstanden im Rahmen der Neo-Tantra-Bewegung in den 1970er-Jahren vorwiegend in Deutschland und den USA. Bei dieser spirituellen Bewegung spielt der bekannte indische Guru Osho eine große Rolle, da er Tantratechniken über seine Anhängerschaft weltweit verbreitete. In dem 1970er- und 1980er-Jahren waren die Menschen auf der Suche nach neuen Erklärungen für die Zusammenhänge der Welt – eine vielfältige spirituelle Szene entwickelte sich für Sinnsucher.

Eine Neuinterpretation von Tantra für den modernen Menschen

In dieser Zeit wurden die historischen Lehren und Rituale aus dem Tantra von Tantrikern wie der Französin Margot Arnand oder dem Berliner Andro neu interpretiert und in der Körperarbeit mit anderen spannenden Dingen kombiniert: Bioenergetik, Energielehre des Taoismus, körperorientierte Meditationen nach Osho, Kontaktübungen aus der Theaterarbeit und anderes. Kommerzielle Tantra-Gruppen entstanden, die Rituale wurden weitergegeben und weiterentwickelt. Joseph Kramer und Annie Sprinkle legten damals in den USA den Grundstein für die heutigen Yoni- und Lingam-Massagen, die in die Tantramassage integriert wurden.

Die heutigen Tantramassagen sind also streng genommen eine erotische Ganzkörpermassage aus den Achzigern. Sie bezieht sich allerdings auf die altindische Lebensphilosophie Tantra. Parallel kam auch die Tao-Massage bzw. Yin-Yang-Massage auf, die die Sexualenergie mit der gezielten Bearbeitung der Meridiane und Akupunkturpunkte nach der chinesischen Energievorstellung anregt. Ebenfalls eine erotische Ganzkörpermassage, die auch in vielen Tantramassage-Instituten angeboten wird.

Köln, Frankfurt, Stuttgart & Berlin: Die ersten Institute starteten in den 90ern

In Deutschland wurde die Tantramassage in den 80er-/Anfang der 90er-Jahre in den privaten Zirkeln der Neotantra-Szene immer bekannter. Die Pioniere der heutigen kommerziellen Tantramassagen lernten sie zu dieser Zeit kennen.

Sie sind übrigens überwiegend weiblich: 1997 gründete Lea Söhner mit einer Geschäftspartnerin das erste Dakini in Stuttgart. Im selben Jahr eröffneten Michaela Riedl und Martina Weiser das Ananda in Köln. Ebenfalls in den 90ern entstand das Avalon in Frankfurt unter weiblicher Leitung. Nur in Berlin startete ein Mann mit dem heute noch existierenden Diamond Lotus Institut: Andreas Rothe (Andro).

Tantramassage ist nicht gleich Tantramassage – für Qualität sorgt der TMV

Seit den 2000er-Jahren boomt die Tantramassage in Deutschland. Jede größere Stadt hat einige Institute – leider arbeitet nicht jedes seriös und mit fundiertem Wissen über Anatomie und Energie. Sicherheit bekommen Kunden durch das Siegel des TMV Tantramassage-Verbandes. Dieser etabliert seit einigen Jahren strenge Qualitätskriterien und empfiehlt für die Ausbildung von Tantramasseurinnen und -masseure vom TMV zertifizierte Institute.

Aktuelle Weiterentwicklungen der Tantramassage: Fesseln, Bewegung, Freestyle

Seit ihren Anfängen haben sich die Tantramassagen bei den verschiedenen Anbietern/innen beständig weiter entwickelt. Neue Formen wurden kreiert wie die Kashmirische Massage und die AnandaWave-Massage in Köln oder die Essenzia-Massage im Dakini Zürich. Die Yoni-Massage wurde immer mehr zu einem eigenen Fachgebiet mit eigenen Ausbildungen und aus dieser Bewegung entstand inzwischen die Schoßraumarbeit ohne Intimberührung.

Ja, die heutige Tantramassage ist zeitgemäß und holt Menschen dort ab, wo ihre Themen sind: Immer öfter werden Fesselungen mit der Tantramassage kombiniert, um das Gefühl von Hingabe für gestresste Zeitgenossen stärker spürbar zu machen. Angebote wie Blinddate-Massage, 4-Händige, Baderitual, Paarmassagen oder ähnliches bieten Varianz. Zudem können passive Bewegungssequenzen (vergl. EMC Emotional Moving Concept) das Ritual auflockern und ermöglichen einen freien Fluss der Energien.

Erfahrene Tantramasseurinnen und -masseure sind in der Lage, eine Tantramassage zu geben, bei der die Intuition den Ablauf des Rituals mitbestimmt, das dann sehr individuell ausgeführt werden kann. Vielleicht muss jemand erst ganz lange gehalten und beruhigend gewiegt werden, oder ein verspannter Rücken braucht extra viel Massage, damit die Person entspannt durchatmen kann. Alle Tantramassagen bleiben bei seriösen Anbietern immer streng im Rahmen einer Massage. Ohne orale Elemente oder Geschlechtsverkehr.

Kurzum: Eine Tantramassage ist ganzheitliche und für viele auch spirituelle Körpererfahrung, die die Empfindungen der Geschlechtsorgane mit einbezieht.